Sportsoziologie: Physische Freizeitaktivität in Deutschland - Jeder
Zweite treibt keinerlei Sport
Angesichts der demographischen Entwicklung und des anhaltenden Rückbaus der Sozial- und Gesundheitssysteme wird
regelmäßiger Freizeitsport durch seine kostengünstige und flexible Durchführbarkeit zunehmend (auch)
in den sozialmedizinischen und -epidemiologischenFokus rücken. Die Akteure im Gesundheitswesen sowie in der Sozial-
und Gesundheitspolitik haben die volkswirtschaftliche Bedeutung regelmäßiger sportlicher Aktivität erkannt.
Schließlich belegen ökonomische Cost-Benefit-Analysen, dass die Kosten reduzierenden Wirkungen sportlicher
Betätigung die durch Sportverletzungen sowie Fehl- und Überlastung entstehenden Krankheitskosten weit übersteigen.
Im Rahmen einer interdisziplinären Studie unter Beteiligung von Soziologen, Sportwissenschaftlern, Epidemiologen,
Medizinern und Medizininformatikern haben wir uns der Frage gewidmet, ob sportliche Betätigung – wie es soziologische
Ungleichheitsansätze nahe legen – in einem sozialstrukturellen Determinationszusammenhang steht. Die Untersuchung
basiert auf einem bis dato in den Sozialwissenschaften noch vergleichsweise wenig beachteten bundesweit repräsentativen
Querschnitt-Datensatz: dem Bundes-Gesundheitssurvey. Damit haben wir das Ausmaß des Freizeitsports in der bundesdeutschen
Gesamtbevölkerung und für einzelne Bevölkerungsgruppen ermittelt. Zusammenhänge zwischen sozialstrukturellen
Merkmalen und Sportaktivität der bundesdeutschen erwerbstätigen Bevölkerung wurden mittels bivariater
Methoden und multipler OLS- sowie logistischer Regressionsverfahren analysiert:
Zu den Ergebnissen: Jeder zweite erwachsene Deutsche (46.7%) treibt keinerlei Sport. 15.9% der Deutschen
betätigen sich weniger als eine Stunde pro Woche sportlich. Eine regelmäßige sportliche Aktivität
zwischen einer und zwei Stunden pro Woche geben 18.0% der deutschen Bundesbürger, zwischen zwei und vier Stunden
11.6% an. Nur jeder 13. Deutsche (7.7%) treibt regelmäßig mehr als vier Stunden Sport in der Woche. Die Analyse
der bivariaten Zusammenhänge belegt zunächst einen deutlichen Schichtgradienten. Gleichwie man soziale Schichtzugehörigkeit
operationalisiert, ist die Assoziation eindeutig: So ist der Anteil sportlich Aktiver unter hochqualifizierten Angestellten
und Beamten doppelt so hoch wie unter angelernten Arbeitern und unter Abiturienten und Akademikern mehr als doppelt
so hoch wie unter Hauptschülern. Für das Einkommen und den aus diesen Dimensionen abgeleiteten Sozialstatus
zeigen sich dieselben sozialen Unterschiede. Bezüglich weiterer soziodemographischer Merkmale sind typische Sportler
eher jüngere, berufstätige, deutsche Männer in den alten Bundesländern. Vice versa finden sich Inaktive
eher unter älteren, nichtberufstätigen Frauen (insbesondere auch unter Ausländerinnen und in den neuen
Ländern).
Abschließend wurde der gesundheitsrelevante Lebensstil der Nichtaktiven mit dem der aktiven Sportler verglichen
(Tab. 2). Das Bild des Freizeitsportlers als ein enthaltsamer und gesundheitsbewusster „Asket“ lässt
sich für die Bundesrepublik Deutschland nicht bestätigen: So finden sich unter den Gelegenheitsrauchern und
unter moderaten Alkoholkonsumenten die höchsten Sportleranteile. Auch die Analyse der Ernährungsmuster liefert
ein uneinheitliches Bild: Der Anteil der Sportler ist in der Gruppe mit ungesundem Ernährungsmuster höher
als in der mittleren Gruppe.
Die deutlich geringere Sportbetätigung beispielsweise unterer sozialer Schichten, älterer und isolierter Personen
sowie Übergewichtigen und starken Rauchern verdeutlicht, dass Freizeitsport insbesondere von solchen sozialen Gruppen
betrieben wird, welche ohnehin eine geringere Morbidität respektive ein geringeres Erkrankungsrisiko aufweisen.
So weisen Mitglieder der Oberschicht, Männer, Jüngere und sozial Integrierte unterdurchschnittliche Krankheitsprävalenzen
auf. Dieses Phänomen ist aus Studien zur Zielgruppenerreichung von Gesundheitsförderungsmaßnahmen (wie
Impfprogrammen, Ernährungsberatungen, Rückenschulen und Kursen zur Gewichtsreduktion) bekannt und wurde von
uns mit dem Terminus „Preaching to the converted“ belegt. Unsere Daten bestätigen, dass das Phänomen
des „Preaching to the converted“ hierzulande auch für die Sportaktivität zutrifft: So würde
nach unseren Daten insbesondere die Zielgruppenansprache und Mobilisierung vor allem von Frauen, Älteren und sozial
schlechter Gestellten den größten Erfolg versprechen. Konkret plädieren wir für niedrigschwellige,
aber leistungsadäquate Sportangebote zu kostengünstigen, einfach zu erlernenden und flexibel durchführbaren
Sportarten (Walking, Schwimmen, Bergwandern, Radfahren).
Nachzulesen sind die Detailergebnisse unserer Studie unter:
Schneider S, Becker S (2005) Prevalence of physical activity among the working population and correlation
with work-related factors. Results from the First German National Health Survey. J Occup Health 47: 414-423
Schneider S, Becker S (2005) Sportaktivität in Deutschland – Ergebnisse des Bundesgesundheitssurvey
zu sozialmedizinischen Korrelaten der Verhaltensprävention. Arbeitsmedizin - Sozialmedizin – Umweltmedizin
40: 596-605
Becker S, Schneider S (2006) Sportaktivität in Deutschland. Deut Z Sportmed, 57: 227-232
Becker S, Schneider S (2005) Ausmaß und Korrelate sportlicher Betätigung unter bundesdeutschen
Erwerbstätigen. Repräsentative Analysen zur Sportpartizipation und Konsequenzen für den
Betriebssport. Sport und Gesellschaft. Zeitschrift für Sportsoziologie, Sportphilosophie, Sportökonomie,
Sportgeschichte 2: 173-204
---- Informationen für englischsprachige Besucher: English Summary of the Study: ---
Title: Leisure Time Physical Activity in Germany – Results from the National Health Survey for
social medical correlates of preventive behavior
Aim: Due to demographic and health-political changes the importance of leisure time physical activities
as a part of a socialmedical prevention strategy will increase. This paper investigates levels of engagement
in leisure time physical activity among the total German population and for specific subgroups.
Method: A national health survey for the Federal Republic of Germany was conducted from October 1997 to
March 1999. The “First German National Health Survey” is based on a representative net sample
of 6,121 people aged 18 to 79. Bivariate methods and multiple logistic regression analyses were used to
investigate the relationship between leisure time physical activity and sociodemographic characteristics,
living situation and health-related individual lifestyle.
Results: One in two adults in Germany (46.7%) does not engage in sport. Women, the elderly, people from
lower socioeconomic groups, and residents of the former East Germany are particularly likely to have an
inactive lifestyle. Our study population did not correspond to the popular image of the recreational athlete
as an abstinent, ascetic individual. The subgroups of non-smokers, teetotalers and people with a healthy
diet contained significantly fewer athletes than the corresponding reference groups of moderate consumers.
Conclusions: The present paper is the first to publish representative data on leisure time physical activity
in the general population since German reunification in 1990. It confirms the well-known "preaching
to the converted" phenomenon and its corollary, namely that the sections of the population with the
socio-demographic highest risk of morbidity are those least likely to avail of measures to promote physical
activity.
Keywords: Sports, correlates, lifestyle, predictors, leisure time physical activity.