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Rückenschulen verfehlen Hauptzielgruppen

Heidelberger Studie belegt ineffiziente Nutzung von Vorbeugemaßnahme gegen
Rückenschmerz - Prävention erreicht die Risikopersonen häufig nicht

"Rückenschul-Kurse werden kaum von Personen besucht, die davon profitieren könnten. Nutzer sind vor allem Personen mit einem ohnehin geringen Risiko für Rückenschmerzen. Dies hat ein Forscherteam der Medizinischen Fakultät Heidelberg erstmals in einer repräsentativen, bundesweiten Untersuchung mit über 6.000 Teilnehmern festgestellt.
Der Medizinsoziologe Dr. Sven Schneider und der Orthopäde Professor Dr. med. Marcus Schiltenwolf wurden im Oktober 2004 auf dem Schmerzkongress in Leipzig für ihre Forschungsarbeit mit dem Posterpreis ausgezeichnet. "Mit ihren Präventionsangeboten erreichen die Krankenkassen und andere Anbieter nicht die eigentlichen Zielgruppen, sondern häufig gesunde Mitversicherte", erklärt Dr. Sven Schneider. "Natürlich profitieren auch die bisherigen typischen Teilnehmer von solchen Rückenschulen. Gerade die Hochrisikogruppen wie körperlich schwer belastete Arbeiter mittleren und höheren Alters mit passivem, ungesundem Lebensstil nehmen diese Angebote aber nur selten wahr."

So beginnt eine bundesweite Presseerklärung, welche unsere aktuellen Arbeiten zur Präventionsforschung beschreibt. Zwei von drei Deutschen klagen innerhalb eines Jahres über Rückenschmerzen. Aber nur jeder sechste Deutsche hat mindestens einmal in seinem Leben eine Rückenschule besucht. Typische Nutzer von Rückenschulen sind demnach weibliche Teilzeitbeschäftigte oder Hausfrauen aus der Mittelschicht, die Sport treiben und sich gesund ernähren. Typische Nichtnutzer sind Männer mit Vollzeitjobs und niedrigem Sozialstatus, die einen passiven, ungesunden Lebensstil pflegen. Als psychische Barriere für Risikopersonen fungiert nach unseren Analysen möglicherweise die typische Teilnehmerstruktur der Kurse (meist sportliche, jugendorientierte und mehrheitlich weibliche Teilnehmer). Zudem werden die Kurse würden zudem häufig nachmittags angeboten, dann also, wenn die eigentliche Zielgruppe noch arbeitet.
Unser Hauptbefund lässt sich wie folgt zusammenfassen: Die Nutzerstruktur bundesdeutscher Rückenschulangebote ist gekennzeichnet durch mangelhafte Bedarfsgerechtigkeit und eine ungenügende Zielgruppenerreichung. Es bestätigt sich das Phänomen des “Preaching to the converted”, nach dem die typischen Nutzer Personen mit ohnehin gesundheitsbewußtem Lebensstil und geringem Schmerzrisiko sind, während diejenigen Bevölkerungsgruppen mit dem höchsten Erkrankungsrisiko Präventionsmaßnahmen (wie Rückenschulen) signifikant seltener nutzen.
Sofern Sie sich in dieses Präventionsthema ausführlicher einlesen möchten, empfehlen wir die folgenden wissenschaftlichen Publikationen in peer-reviewten Journalen.

Schneider S, Hauf C, Schiltenwolf M (2005) Back Care Programs for Health Promotion. Representative User Profiles and Correlates of Participation in Germany. Prev Med 40: 227-238

Schneider S, Hauf C, Schiltenwolf M (2005) Nutzerstruktur und Korrelate der Teilnahme an Rückenschulen. Eine repräsentative Studie an der bundesdeutschen erwerbstätigen Bevölkerung. Soz Praventiv Med 50: 95-106

Schneider S, Schiltenwolf M (2005) „Preaching to the converted“ - Über- und Unterversorgung in der Schmerzprävention am Beispiel bundesdeutscher Rückenschulen. Schmerz 19: 477-488

---- Informationen für englischsprachige Besucher: English Summary of the Study: ---

Title: Deficits and Surpluses in preventative pain therapy in German back care programs

Background: In response to the growing incidence of back pain, there is an increasing emphasis on individualized preventive measures such as back care programs. The purpose of the present study was to investigate representative data for back pain, participation rates of back care programs and their correlates in the German general population.
Methods: The first National Health Survey was carried out in the Federal Republic of Germany in the period from October 1997 and March 1999. It comprised a representative, cross-sectional study of the population with a total sample of 6,235 participants between the ages of 18 and 79.
Results: The 7-day prevalence for back pain in Germany was found to be 36%. Seven % of all Germans has participated in a back care program within the past year. The 1-year-participation was significantly lower in persons with higher risk for back pain (men, full-time-workers, unmarried and those with an unhealthy lifestyle).
Conclusions: The user profile for back care programs on a nationwide scale indicates that genuine needs are not being met and the target group is not being reached. A “preaching to the converted” phenomenon is evident, as indicated by the fact that the user group is made up of individuals who already have a healthy lifestyle and few risks while the population group most likely to develop back pain is significantly less likely to participate in preventive back care programs.

Keywords: back pain, prevention, risk factors, patient participation, health promotion

 
 
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