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Warum leben Frauen länger?Warum sind Männer seltener krank?
 

Lebenserwartung: Lieber reich und gesund als krank und arm

Trotz rasanter medizinischer Fortschritte, der fortschreitenden Implementierung effizienter Arbeitsschutzmaßnahmen und des volkswirtschaftlichen Strukturwandels hin zur Dienstleistungsgesellschaft vergrößern sich in zahlreichen westlichen Industrienationen die schichtspezifischen Unterschiede in der Sterblichkeit. Dieser Unterschied ist beträchtlich: Hierzulande weisen Männer aus der unteren Sozialschicht eine derzeit um 3 bis 4 Jahre kürzere Lebenserwartung auf als Männer der Oberschicht. Bei Frauen beträgt dieser Unterschied sogar 4 bis 6 Jahre. Dieser Schichtgradient ist international gut belegt. Im Vergleich zu anderen europäischen Staaten wie Großbritannien, Schweden und Frankreich wurden in der Bundesrepublik bis dato wenige Studien zu schichtspezifischen Unterschieden in der Mortalitätsentwicklung veröffentlicht.

Ausgehend vom Black-Report liegen allerdings mehrere Theorieansätze zur Erklärung des Schichtgradienten vor: Im Wesentlichen kristallisieren sich vier Thesen heraus:

1) Die materielle These: Demnach sei vor allem eine materielle Deprivation kausal für eine schlechtere Gesundheit und eine daraus resultierende höhere Mortalitätsrate verantwortlich. Fehlende Kranken(zusatz)-versicherungen (z.B. Kassenleistungen in der stationären Versorgung), mangelhafte Qualität gesundheitsrelevanter Gebrauchs- und Verbrauchsgüter (z.B. Kraftfahrzeuge) und der einkommensbedingt fehlende Zugang zu medizinischen Hilfsmitteln und Pflegemöglichkeiten werden in diesem Zusammenhang angeführt.

2) Die strukturelle These: Andererseits wird der Schichtgradient mit unterschiedlichen Arbeitsbelastungen erklärt (berufliche Über- und Fehlbeanspruchungen, erhöhte Exposition gegenüber physikalischen und chemischen Noxen sowie spezifische Unfallgefahren).

3) Die kulturell-behaviorale These unterstellt, dass gesundheitsrelevante Verhaltensweisen wie Sport, Ernährung, Vorsorgeverhalten, Alkohol- und Tabakkonsum schichtspezifisch sozialisiert werden und einen Einfluss auf die individuelle Morbidität und Mortalität haben. Dabei hat die Realisierung eines gesundheitsrelevanten Lebensstils den Erwerb gesundheitsrelevanter Wissensbestände zur Voraussetzung.

4) Die Selektions-These: Die auch als Driftthese bezeichnete Selektionsthese hebt auf die Richtung des hier interessierenden Zusammenhanges ab: Gemäß der plakativen Formulierung „Krankheit macht arm“ erfolge ein sozialer Abstieg bei weniger Gesunden eher als bei Gesunden. Vice versa sei ein sozialer Aufstieg für Kranke schwieriger zu realisieren.

In einer umfangreichen Arbeit, welche im Westdeutschen Verlag erschienen ist, wurde versucht, die absolute und relative Bedeutung dieser grundlegenden Dimensionen für die Mortalität zu erhellen und durch eine Verfeinerung dieser Dimensionen die hinter den makrosoziologischen Strukturen wirksamen Prozesse (Integration, soziale Kontrolle, Belastungsgrößen, lebensstiltypisches Verhalten) zu eruieren.

Der empirische Teil der vorliegenden Arbeit basiert auf einem von den Sozialwissenschaften bislang wenig beachteten, epidemiologischen Datensatz, einer internationalen, von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) initiierten Studie, die Personen im Alter von 25-64 Jahren mit deutscher Staatsangehörigkeit umfasst. Im empirischen Teil nimmt aus den o.g. Gründen die Analyse des Zusammenhanges zwischen makrosoziologischen Kategorien und verhaltens- also lebensstilbezogenen Angaben großen Raum ein. Aus den anschließenden zahlreichen multivariaten Ereignisdatenanalysen gehen die Kategorien Schichtzugehörigkeit, Geschlecht, Alter, Konfession und Netzwerkstruktur als die bedeutendsten sozialen Einflussgrößen auf die Mortalität hervor. Darüber hinaus stellen Alkohol- und Tabakkonsum die wichtigsten mortalitätsrelevanten Lebensstilaspekte dar. Der eigenständige Einfluss der eben genannten sozialen Kategorien bleibt beachtlicherweise auch nach Kontrolle des Lebensstils und objektiver sowie subjektiver Gesundheitsvariablen (wie Blutparameter, Puls und subjektiver Gesundheitszustand) empirisch relevant. Aus den gefundenen Zusammenhängen werden schließlich Schlussfolgerungen zu möglichen kausalen Ursache-Wirkungs-Beziehungen abgeleitet.

Angesichts des fortschreitenden Alterungsprozesses der Gesellschaft könnten soziale Unterschiede in der Mortalität künftig zu einem Konfliktpotential kumulieren. Nicht zuletzt ist die Identifikation sozial bedingter Gesundheitsdifferenzen bedeutend für die Kostenentwicklung im Gesundheitswesen und für politische Verhältnisprävention. Dies unterstreicht die Notwendigkeit und Bedeutung soziologischer Mortalitätsstudien wie diese.

Diese Analyse und weitreichende theoretische und methodische Abhandlungen zu diesem Thema ist unter

Schneider S (2002) Lebensstil und Mortalität. Welche Faktoren bedingen ein langes Leben? Westdeutscher Verlag, Wiesbaden, ISBN 3-531-13760-3

als Buch erschienen. Leider ist es nicht mehr im Verlagsprogramm. Unter Kontakt kann das Buch (originalverpackt) direkt beim Autor bestellt werden.

---- Informationen für englischsprachige Besucher: English Summary of the Study: ---

Causes of socioeconomic group-related mortality in the Federal Republic of Germany

Objective: To establish whether socioeconomic differences in mortality exist in the Federal Republic of Germany and whether any such differences are attributable to material, structural, and lifestyle factors
Methods: The database was the WHO-MONICA cohort study with two cross-sectional surveys performed in the Augsburg area in 1984/85 and 1989/90, and a mortality follow-up performed in 1997/98.
The dataset comprised a total of 7,268 persons of German nationality aged 25 to 72
Results: Both men and women with lower educational qualifications have less economic resources (materialist thesis), are exposed to higher levels of physical stress at work (structuralist thesis) and lead a significantly less healthy lifestyle (cultural-behavioral thesis). Both males and females with the highest secondary school qualifications are more likely to engage in leisure-time physical activity, have a lower BMI and are less likely to be smokers, passive smokers or heavy drinkers. While these differences are reflected in a socioeconomic group-related mortality risk in males, our data disclose no significant correlation between socioeconomic group (operationalized on the basis of years of education) and mortality in females.
Conclusions: This paper investigates the four most common hypotheses for the internationally well-documented phenomenon of socioeconomic group-related mortality on the basis of nationwide German longitudinal data. Regular nicotine consumption is by far the most significant controllable risk factor for mortality in both genders.

Schneider S (2002) Lebensstil und Mortalität. Welche Faktoren bedingen ein langes Leben? Westdeutscher Verlag, Wiesbaden, ISBN 3-531-13760-3


 
 
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