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Warum leben Frauen länger?Warum sind Männer seltener krank?
 

Gelenkverschleiß – eine Volkserkrankung

Anders als in anderen westlichen Industrienationen (wie den USA, Großbritannien, den Niederlanden und Schweden) existieren für die Bundesrepublik Deutschland bis dato weder repräsentative Inzidenz- noch aktuelle Prävalenzdaten zur Verbreitung der Osteoarthrose in der Bevölkerung. Die wenigen verfügbaren epidemiologischen Daten zur Prävalenz der Osteoarthrose stammen entweder aus kleineren regionalen Untersuchungen oder aus länger zurückliegenden Erhebungsjahren und teilrepräsentativen Stichproben. Deswegen haben wir in einem fachübergreifenden Forschungsprojekt, an dem Sozialmediziner, Sportwissenschaftler, Orthopäden, Epidemiologen und Soziologen beteiligt waren, aktuelle repräsentative Prävalenzdaten zur Osteoarthrose innerhalb unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen und möglicher Risikofaktoren ermittelt. Hierzulande liegt die Gesamtprävalenz einer ärztlich diagnostizierten Osteoarthrose an mindestens einer Gelenkregion bei 27%. Während bei unter 30- Jährigen nur jeder Zwanzigste an (mindestens) einem Gelenk eine Osteoarthrose aufweist, trifft dies bei den Über-60- Jährigen für jeden Zweiten zu. Die Abbildung verdeutlicht, dass dieser Altersgradient geschlechtsspezifisch verläuft: Während bei den unter 60-Jährigen Männer ein höheres Arthroserisiko aufweisen, kehrt sich dieses Phänomen in den höheren Altersgruppen zu Lasten der Frauen um.


Abbildung 1: Arthroseprävalenz für die Bundesrepublik Deutschland nach Alter und Geschlecht. Eigene Berechnungen, Daten nach: Erster Bundesgesundheitssurvey.


Zu den systemisch wirkenden Einflüssen werden auch Ernährungs- und Konsumgewohnheiten gezählt: Überraschend finden sich bei ausschließlich bivariater Betrachtung unter den ehemaligen Rauchern und unter Personen mit gesundem Ernährungsmuster signifikant höhere Arthroseraten als unter den entsprechenden Referenzgruppen, die aktiv rauchen und sich durchschnittlich oder ungesund ernähren. Demgegenüber scheint zwischen Alkoholkonsum und Osteoarthrose kein signifikanter Zusammenhang zu existieren. Des Weiteren haben wir einen möglichen Einfluss lokal-biomechanischer Belastungsfaktoren untersucht. Zum einen lässt sich auch für die Bundesrepublik Deutschland der aus anderen Nationen bekannte lineare Zusammenhang zwischen BMI und Arthroseprävalenz belegen. Auch bei zusätzlich geschlechtsspezifischer Betrachtung lässt sich keine relevante Grenze ersehen, ab dem sich das Erkrankungsrisiko bedeutsam erhöht. Zum anderen unterscheiden sich Arthrosepatienten signifikant von Gesunden hinsichtlich krankheitsreaktiver Verhaltensweisen (schwere körperliche Tätigkeit und Sport).
Im Wesentlichen kristallisieren sich auch für die Bundesrepublik Deutschland die drei in der Literatur meistgenannten Risikofaktoren als signifikant bedeutsame Korrelate der Osteoarthrose heraus: Der typische Arthrosepatient ist über 60 Jahre alt, adipös und geht (oder ging) manueller beruflicher Tätigkeit nach. Vice versa finden sich unter jüngeren Angestellten mit normalem Körpergewicht signifikant seltener Arthrotiker. So existieren soziale und berufsbezogene Unterschiede in der Arthroserate: Der Anteil Betroffener ist unter Arbeitern, Landwirten und Selbständigen in (handwerklichen) Kleinbetrieben höher als unter Angestellten und Beamten. Dagegen sind ungelernte Arbeiter, Praktikanten, Studenten und Auszubildende kaum betroffen. Diese berufs- und tätigkeitsspezifischen Erkrankungsraten schlagen sich auch in den Bildungs- und Sozialschichtindikatoren nieder.
Außerdem treten unter Arthrosepatienten im Vergleich zum diesbezüglich Gesunden signifikant häufiger Osteoporose, Schilddrüsenerkrankungen und chronisch verlaufende Bronchialerkrankungen auf. Eine Koinzidenz von Hypertonie sowie erhöhten Blutfetten ist anhand unserer Daten ebenfalls nachweisbar. Abschließend haben wir innerhalb der Arthrosegruppe die Schmerzlokalisation untersucht: Es werden am häufigsten Schmerzen in den Hüftgelenken (56%), im Knie (45%) und in den Fingern (45%) berichtet. Dabei waren die gelenkspezifischen Schmerzprävalenzen bei der Arthrosegruppe erwartungsgemäß durchschnittlich doppelt so hoch wie diejenigen der übrigen Befragten.

Nachlesen lassen sich die Ergebnisse unserer Studie im Detail unter folgender Referenz:
Schneider S, Schmitt G, Mau H, Schmitt H, Sabo D, Richter W (2005) Prävalenz und Korrelate der Osteoarthrose in der BRD - Repräsentative Ergebnisse des ersten Bundesgesundheitssurvey. Der Orthopäde 34: 782-790

Außerdem haben zahlreiche Zeitungen über diese Studie berichtet, unter anderem die Rheinpfalz und die Stuttgarter Zeitung.


---- Informationen für englischsprachige Besucher: English Summary of the Study: ---

Prevalence and correlates of osteoarthritis in Germany -
Representative data from the First National Health Survey

Background: The purpose of the paper was to generate up-to-date, representative osteoarthritis prevalence data for individual population subgroups and to identify potential risk factors.
Material and Methods: A cross-sectional study, the "First National German Healthy Survey", investigated the prevalence of osteoarthritis, comorbidity and health-relevant behaviours of the post-unification German population on the basis of interviews with physicians and medical evaluations conducted in the period from October 1997 to March 1990. The study was based on a net sample comprising 6205 subjects aged 18 to 79.
Results: The three main correlates for osteoarthritis are age, obesity and occupational stress factors. Osteoarthritis patients are more likely to have osteoporosis, thyroid disease, chronic bronchial disease, hypertension and elevated blood lipids, but do not tend to have a higher incidence of diabetes.
Conclusion: Our data show the importance of preventive behavioural approaches such as weight management and workplaces designed to limit joint overuse.


 
 
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