www.sozionet.de
Warum leben Frauen länger?Warum sind Männer seltener krank?
 

Frauen und Schmerz

Im Vergleich zu Männern pflegen Frauen einen gesundheitlich günstigeren Lebensstil: Sie weisen beispielsweise einen geringeren Tabakkonsum auf und sind seltener übergewichtig. Darüber hinaus sind Frauen in westlichen Industrienationen häufiger teilzeitbeschäftigt oder nicht berufstätig. Frauen, die einer beruflichen Tätigkeit nachgehen, arbeiten außerdem tendenziell eher in nichtmanuellen Berufen, während Handwerksberufe und körperlich anstrengende Tätigkeiten weiterhin eine Männerdomäne darstellen. Diese Aspekte tragen - neben zahlreichen weiteren Ursachen - zu einer höheren Lebenserwartung von Frauen bei. Prima vista paradox erscheint vor diesem Hintergrund die Tatsache, dass Frauen häufiger an Schmerzerkrankungen leiden als Männer. Dies gilt vor dem Hintergrund des oben Gesagten beispielsweise für Rückenschmerz, aber auch für andere Schmerzsymptome und –syndrome wie Kopfschmerz, Migräne und Fibromyalgie, bei denen nichtsomatische Faktoren eine bedeutendere Rolle spielen. Die Ursachen dieses Geschlechtsunterschiedes in der individuellen Schmerzprävalenz sind noch weitgehend unbekannt. In einer interdisziplinären Studie unter Mitwirkung von Psychologen und Ärzten haben wir den Zusammenhang zwischen Geschlecht und Schmerzrisiko untersucht. Konkret scheinen biologische, psychologische und soziokulturelle Faktoren bedeutsam zu sein:
Biologische Einflüsse werden vor allem über die Sexualhormone Östrogen, Progesteron und Testosteron vermittelt. Sexualhormone wirken auf mehrere Wege des Zentralen Nervensystems, die an der Schmerzmodulation beteiligt sind, indem sie die Konzentration verschiedener neuroaktiver Substanzen wie GABA und Glutamat und Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin und Noradrenalin beeinflussen. Für den Einfluss der Sexualsteroide auf die Schmerzempfindung spricht auch die zyklusabhängige Schmerzsensitivität unter Frauen. Zu den biologischen Einflüssen zählen auch physiologische Unterschiede im Körpergewicht und in der Muskelstruktur, da die Kraftverhältnisse der autochtonen Muskulatur der Frauen denen der Männer unterlegen zu sein scheinen. Als psychologische Schmerzmodulatoren werden zum einen behavioral factors (lebensstilspezifische Verhaltensweisen) sowie zum anderen geschlechtsspezifische Somatisierung, Depressivität, Ängstlichkeit und unterschiedliche Copingstile diskutiert. Darüber hinaus werden soziostrukturelle (demographische) und soziologische (sozialisatorische) Determinanten des Schmerzerlebens unter dem Terminus „sociocultural factors “ zusammengefasst. Damit sind unterschiedliche Wirkungen sozialer Netzwerke, Partnerschaftseinflüsse, Geschlechtsrollenerwartungen sowie der Einfluss der „family history“ bezüglich der Schmerzkarriere von Eltern oder Angehörigen gemeint.
In dem Beitrag

Schneider S, Randoll D, Buchner M (2006) Why do women have back pain more than men? A representative prevalence study in the Federal Republic of Germany. Clin J Pain 22: 738-747

haben wir eine Erklärung dieses „Schmerz-Paradoxon“ versucht.

---- Informationen für englischsprachige Besucher: English Summary of the Study: ---

Why do women have pain more than men?

Objectives: In comparison with men, women have a healthier lifestyle, are more rarely overweight, have less stressful occupations or are not employed outside the home. The „gender pain bias“ is the fact that women nevertheless have a higher prevalence of back pain. This paper looks at the possible underlying reasons for this as yet unexplained gender difference, using Stokols' socioecological health model as a basis.
Methods: The first National Health Survey for the Federal Republic of Germany was carried out from October 1997 to March 1999. It comprised a representative total sample of 5,315 persons between the ages of 20 and 64. The subjects took part in a medical examination and answered a self fill-in form. Chi squared test and logistic regression analyses were used to investigate correlations between self-reported low back pain and gender-specific biopsychobehavioral and sociophysical environmental factors.
Results: Seven-day back pain prevalence in the Federal Republic of Germany is 32% for men and 40% for women. Prevalences are significantly higher for overweight subjects, persons with a marked somatization tendency or a low level of social support, physically inactive individuals, smokers, elderly subjects, the non-employed, blue collar workers and lower socioeconomic groups. From a multivariate perspective, however, none of these factors reduces (and hence sufficiently explains) the gender difference. Factoring in the gender-specific somatization tendency reduces the odds ratios of women versus men from 1.42 to 1.23.
Discussion: In view of the gender difference in pain prevalence, which remains stable despite a multivariate perspective, there is clearly a need for more research into the reasons underlying the gender difference. We believe that future studies should look at rarely investigated constructs such as "sex role expectancies", "anxiety", "ethnicity", and "family history" and take anatomic differences in muscle strength into account.
Keywords: risk factors, prevalence, back pain, sex differences, gender

 


 
 
Rechte auf Content und Design nach §1ff. UrhG bei PD Dr. Sven Schneider M.A., 2009